Ein Kommentar von Peter Rauscher

Verbesserungen und Verschlechterungen

Die AVV-Tarifreform geht in die richtige Richtung und ist dennoch unzureichend. Fahrten aus dem Umland mit Bus und Bahn in die Stadt Augsburg waren größtenteils bisher nicht konkurrenzfähig gegenüber dem Auto. Dies wird jetzt – zumindest teilweise – besser.

Schritt in die richtige Richtung

Sowohl das Angebot, wie auch die Tarifstruktur sind nicht sonderlich gut, stattdessen aber stellenweise kompliziert und teuer. Das Preis-Leistungsverhältnis gerade in den ländlicheren Regionen des AVV stimmt hier sicher nicht. Auch ist es richtig, mehr Menschen dauerhaft durch attraktive Abopreise an den ÖPNV binden zu wollen und so konstante Einnahmen zu sichern. Doch die Richtung des Augsburger ÖPNV-Angebots stimmt.

Unser Mobilitätsverhalten ändert sich: Im Hinblick eines Fokus auf die Fahrradstadt 2020, Carsharing, Bikesharing uvm. stellt sich die urbane Mobilität in naher Zukunft breiter und flexibler auf. So kann durchaus auf das Auto verzichtet werden, im Sommer mit dem Rad gefahren oder im Winter ÖPNV und gelegentlich Carsharing für größere Einkäufe genutzt werden. Mobilität für 99 Cent oder 1 Euro am Tag ermöglicht dies. Die Hürde, ein dauerhaftes Abo abzuschließen sinkt. Die Stadt Wien ist hierfür ein gut zu beobachtendes Beispiel. Besonders lobenswert ist auch, dass nun beim Abschluss eines Abos die Grundgebühr für das Carsharing bereits entrichtet ist und es somit zu einer besseren Vernetzung unterschiedlicher Mobilitätsformen kommt, Carsharing wird dadurch attraktiver und einfacher nutzbar. Diese Art der Quernutzung und Vernetzung der verschiedenen ÖPNV-Angebote ist zukunftsweisend.

Mobilität für 99 Cent am Tag? Irreführende Werbung!

Das große Manko: Das Ticket, welches die Stadtwerke als Mobilität für 99 Cent pro Tag groß vermarkten, es ist erst ab 9 Uhr nutzbar! Wer vor 9 Uhr, wenn auch nur gelegentlich den ÖPNV nutzen möchte, zahlt von nun an die teuren Einzelfahrpreise – zusätzlich zu seinem Abo. Für all diejenigen, die sich anderweitig in der Stadt fortbewegen, sei es zu Fuß oder mit dem Rad und nur gelegentlich den ÖPNV nutzen, ist dieses Angebot nicht lukrativ genug. Mit einer Ausnahme: Man geht generell nie vor 9 Uhr aus dem Haus. Nur für wenige Bürgerinnen und Bürger dürfte dies jedoch eine realistische Option sein.

Mobilität verändert sich – sie stellt sich breiter auf

Betrachtet man die Mobilitätsformen die wir als Grüne auch fordern und fördern – nämlich möglichst wenig motorisierten Individualverkehr und den Verzicht auf den eigenen PKW – so muss man feststellen, dass gerade die alternativen Fortbewegungsmittel von den Nutzerinnen und Nutzern mehr miteinander kombiniert werden. Wer dagegen ein Auto besitzt, nutzt dieses auch häufiger. Wer sich entscheidet ohne Auto zu leben, Fahrrad zu fahren und gelegentlich ÖPNV und Carsharing zu nutzen stellt seine Mobilität auf eine breitere Basis um. Diese Art von Mobilität gilt es bezahlbar und konkurrenzfähig gegenüber dem PKW zu machen. Das geht einmal über den Preis aber auch über die Attraktivität. Und diese Attraktivität bedeutet Veränderung in den bisherigen Tarifstrukturen. Einfachere Tarife, ein Abo für ÖPNV und Carsharing und den kontinuierlichen Ausbau des Angebots. Wer nun vorwiegend ÖPNV und Carsharing nutzt, fährt mit den Tarifen ganz gut, auch außerhalb des 9-Uhr-Abos für 99 Cent.

Die 9 Uhr Begrenzung ist gerade im Hinblick auf die Fahrradstadt ein großes Attraktivitätshindernis

Entscheidet man sich vorwiegend das Fahrrad als Fortbewegungsmittel zu nutzen und gelegentlich bei schlechter Wetterlage auf den ÖPNV auszuweichen, so ist die Tarifreform vermutlich nachteilig. Gerade für Bewohnerinnen und Bewohner der bisherigen Zone 10 steigert sich der Preis um bis zu 100 Prozent. Das Kurzstreckenticket welches hierfür eingeführt wurde, ist schlichtweg zu kurz. Mit echter Mobilität für 99 Cent am Tag könnte man auch diese Nutzerinnen und Nutzer dauerhaft an ein Abo binden und somit mit sicheren Einnahmen im ÖPNV planen. War dies nicht das Ziel, der Reform?

Die Verweigerer fordern nun Nachbesserungen

Die SPD und CSU regierten Kommunen waren nicht bereit den ÖPNV mit zusätzlichen Geldern zu verbessern. So blieb nur die Möglichkeit der Umschichtung von Mitteln, um mit dem Bestehenden das Maximale rauszuholen. Die Tarifreform wurde von Expertinnen und Experten in diesem Bereich erarbeitet, unter der Prämisse maximale Attraktivität bei minimalem Preis. Dies geht nur mit einer wirklichen Umstellung und Vereinfachung des Tarifsystems. Eine große Umstellung ohne Veränderung bei den Kosten bedeutet aber auch: Es gibt Gewinner und Verlierer.

Die Grünen Mandatsträgerinnen in den Gremien haben bis zuletzt dafür geworben und tun es auch jetzt nach der Tarifreform noch: Ziel ist, den ÖPNV finanziell besser auszustatten, so die Attraktivität zu steigern, um genau diese jetzt eingetretenen Härtefälle für die GelegenheitsnutzerInnen zu vermeiden. Es gab so zum Beispiel den Vorschlag, das 9 Uhr Abo schrittweise auf 24 Stunden/Tag auszuweiten, die Kosten dieses Modells aber auch die Einnahmen kontinuierlich über die nächsten Jahre zu steigern. Auch beim Kurzstreckenticket sollte es Möglichkeiten geben, dieses auf 6 Haltestellen zu erhöhen oder den gesamten Innenstadtbereich als Kurzstrecke zu definieren.

Mobilität kostet – immer!

Die Stärkung des ÖPNV darf nichts kosten, so ist oft die Devise konservativer Politiker. Dabei kostet gerade die Mobilität mit dem motorisierten Individualverkehr, Milliarden für Straßenbau, Belastung durch Stau und Feinstaub oder gigantischen Flächen, die durch Parkplätze und Straßen gerade in den Städten an Aufenthaltsqualität fehlt. Nicht zuletzt ist die Form der Mobilität auch relevant für die Einhaltung unserer Klimaschutzziele. Die Illusion, PKW kostet unterm Strich weniger, kann leider nicht aufrechterhalten werden. Wie in vielen anderen Problemlagen, ob in der Landwirtschaft oder der Verfügbarkeit von Klamotten, Nahrungsmitteln und anderen Produkten zum Ramschpreis gilt auch hier: Die Kosten der vermeintlich billigen Methoden zahlt immer irgendjemand – seien es andere Menschen irgendwo weit weg von uns auf der Welt oder schlicht wir, die Allgemeinheit.

Machen wir den Öffentlichen Personennahverkehr gemeinsam besser und die Mobilität zukunftsfähig!

Besonders erfreulich ist die breite gesellschaftliche Debatte, die sich nun seit der Tarifreform über den ÖPNV in unserer Region abspielt. Es zeigt, dass die Position die wir Grüne in diesem Punkt vertreten durchaus Mehrheitsfähig ist, denn die Menschen diskutieren genau das, was wir seit langem fordern. Vielleicht bietet sich nun die einmalige Chance den ÖPNV zu stärken und die Mobilität als Ganzes fortschrittlich zu denken und neu zu gestalten.

Pressemitteilung 

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