Führt Online-Radikalisierung zur Respektlosigkeit offline?

Ich beobachte in letzter Zeit zwei Entwicklungen, die mich erschrecken und ratlos zurücklassen. Sowohl Online und Offline fehlt es an gegenseitigem Respekt, Verständnis füreinander. In jedem Bereich zeigt sich das anders, aber wenn wir nicht aufpassen, bringt das auf Dauer die Pfeiler unserer Gesellschaft ins Wanken. Wir müssen hier gegensteuern!

Fakten, Tatsachen und wissenschaftliche Beweise zählen immer weniger – Emotionen, Angst, Vorurteile und vorgefertigte Deutungsmuster scheinen, nicht nur, aber gerade in den sozialen Netzwerken die Überhand zu gewinnen. Das gilt leider für viele gesellschaftliche Gruppen und Milieus. Die eigene Wirklichkeits-Blase lauert überall, aber in manchen Teilen beobachte ich eine Radikalisierung, die sich derzeit noch vorwiegend verbal austobt, aber wer weiß, wie schnell der Funken auf das Real Life überspringen kann. Auch wenn es sich noch um einen kleinen Kreis der Gesellschaft handelt, will ich das nicht verharmlosen. Immer weniger trauen sich noch in manchen Diskussionen zu widersprechen. Wieso sollten sie auch? Sachargumente und einfach eine andere Sichtweise auf einen Sachverhalt werden mit persönlichen Angriffen niedergemacht. Der Boden für eine sachliche Diskussion wird einfach entzogen. Eine offene Diskussion über Wahrnehmungen und Lösungswege ist nicht gewünscht. Schnell wird mit Gewalt gedroht und die „Masse“ pusht sich mit „Gefällt mir“ Angaben. Wahr ist, was der Bruder im Geiste auch denkt. Widerspruch zum Auslöser von Ausgrenzung. Man hat das Gefühl, hier findet eine bisher nicht dagewesene, großflächige „Online-Radikalisierung“ statt.

Betrachtet man die Welt außerhalb der Welt des anonymen Internets, so muss einem auch diese Entwicklung zu denken geben. In Augsburg wurden Einsatzkräfte der Feuerwehr und des Rettungsdienstes in der Silvesternacht mit Raketen beschossen. Ein Feuerwehrmann dabei verletzt, er musste ins Krankenhaus. In Salzgitter wurden am Neujahrsmorgen ehrenamtliche Helfer der freiwilligen Feuerwehr von Feiernden Krankenhausreif geschlagen.
Angriffe auf Helfer*innen scheinen mittlerweile zur täglichen Praxis zu gehören. Von den Beleidigungen und der ihnen entgegengebrachten Ignoranz ganz zu schweigen. Einsatzwagen werden mit Böllern beworfen, Polizisten bespuckt und getreten. Eine große Mehrheit sieht dabei schweigend zu. Schlimmer noch, sie blockieren wie in Augsburg sogar die Hilfe für den verletzten Helfer. Zurück Zuhause in der sicheren sozialen Welt der Medien werden plötzlich alle wieder zu Hobbypolizisten und Richtern, die Täter dieser Taten haben sie dabei schon längst ausgemacht. Es sind wie so oft, die schwachen einer Gesellschaft, in diesem Fall eben Flüchtlinge. Trifft der Verdacht zu, so wird gefeiert, dass man es schon von Anfang an wusste. Hatten die Hobbypolizisten und Richter der Onlinewelt unrecht, so wird es unter den Teppich gekehrt oder den Medien und der Behörden vorgeworfen sie würden die Herkunft der Täter*innen leugnen. Wertvolle Grundsätze unserer Demokratie wie “Jeder ist vor dem Gesetz gleich” und “bis zur Bestätigung gilt die Unschuldsvermutung” scheinen plötzlich nicht mehr zu gelten.

Eine Demokratie lebt von den Menschen, die diese Demokratie leben. Menschen die sich in dieser Demokratie aktiv einsetzen, weit hinaus über die minimalistische Form der demokratischen Teilhabe, das Wählen, werden Opfer von Gewalt und Respektlosigkeit. Die große Mehrheit der Politiker*innen in diesem Land, üben ihr Amt und Mandat als Ehrenamt aus, sie sind wichtig für unsere demokratische Gesellschaft. Politiker*innen werden für ihr Handeln persönlich beleidigt, bedroht und wie die Statistik des Bundeslandes Sachsen-Anhalt belegt, Opfer von Gewalt. 2016 wurden 57 Mal Politiker und deren Mitarbeiter attackiert. Zudem zählte das Innenministerium Sachsen-Anhalt bis Ende November 23 politisch motivierte Straftaten gegen Politikerbüros. Diese Angriffe fanden über alle Parteigrenzen hinweg statt. Die Demokratie lebt von unterschiedlichen Positionen und von der politischen Auseinandersetzung. Zum demokratischen Anstand gehören aber die Gewaltfreihat und ein anständiger und fairer Umgang, sowie die gemeinschaftliche Verantwortung Aller, für die Demokratie als Ganzes.

Was passiert wenn wir auf die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer verzichten müssen, weil sie sich dieser Gefahr nicht mehr aussetzen möchten?
Das ehrenamtliche Engagement in unserem Land ist so vielseitig wie die Menschen die dort leben. Jede*r Dritte engagiert sich ehrenamtlich für unsere Gesellschaft. Feuerwehrleute, Rettungsdienste, aber auch ehrenamtliche Politiker*innen – welche die deutliche Mehrheit der Politiker in unserem Land ausmachen. Mir ist bewusst, dass es noch viel mehrere Bereiche gibt, in denen Menschen in unserer Gesellschaft ehrenamtlich tätig sind, aber die genannten sind momentan die Hauptzielscheibe von verbaler aber auch körperlicher Gewalt im ehrenamtlichen Bereich.

Der Angriff auf unsere freie Gesellschaft ist kein „Importschlager“, er kommt aus unserem Inneren und bedroht die Grundsäulen unserer Gesellschaft!

Menschen die für ihr gesellschaftliches Engagement ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen – da darf kein verantwortungsbewusster Bürger und keine Bürgerin mehr schweigen! Hier ihr lieben Hetzerinnen und Hetzer, die gerade aus jedem Loch zu kriechen scheinen, wo seid ihr? Das ist die Bedrohung unserer Gesellschaft! Nicht die paar schutzsuchenden Menschen mit anderer Hautfarbe, die vermeintlich auch nicht alle frei von Kriminalität sind – wie es wohl in jeder Gesellschaft der Fall ist. Mit Diesen wird unser Rechtsstaat fertig, dazu braucht es keine haltlosen populistischen Hetzen gegen ein Geschlecht, eine Hautfarbe oder eine Religion. Aber wo seit ihr wenn die Grundfesten unserer Gesellschaft angegriffen werden? Ein Angriff, die fehlende Wertschätzung, die Respektlosigkeit auf unsere ehrenamtliche Arbeit, auf die tragende Säule unserer Gesellschaft! Wie arm wäre wohl Deutschland ohne das Ehrenamt? Ohne das Ehrenamt reduzierten sich unkomplizierte Hilfe, zwischenmenschliche Wärme und unzählige Freizeitangebote wohl auf ein Minimum. Unsere Gesellschaft wäre in der Tat wesentlich ärmer, mehr noch, sie wäre wohl ziemlich armselig!

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5 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Führt Respektlosigkeit von Polizisten gegenüber Bürgern nicht zu mehr Respektlosigkeit gegenüber Polizisten?

    Schon mal mit Dreadlocks in ne Polizeikontrolle geraten?

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    • Hallo Schnuggi92,

      Respektlosigkeit sollte es überhaupt nicht geben, egal in welcher Rolle man sich befindet. Den Umgang der Polizei mit den Bürgerinnen und Bürgern hinterfrage ich doch in meiner politischen Arbeit tagtäglich. Was du (ich hoffe es ist ok wenn ich du sage) festgestellt hast, ist eine Stigmatisierung aufgrund deines Aussehens, aufgrund deiner Frisur. Der Mensch hat ein Bild von etwas wie es aussehen muss, wenn er dieses wahrnimmt, reagiert er darauf. So wie aufgrund der Dreadlocks angenommen wird das ist ein Kiffer, wird in anderen Fällen (aktuelles Beispiel Köln), von jedem nordafrikanisch Aussehenden angenommen, er hat die Absicht Frauen sexuell zu belästigen. In manchen Fällen mag dies in einer Gefahrenanalyse der Polizei korrekterweise mit einfließen. Wenn man sich aber zuviel auf solche “vertrauten Bilder” verlässt und draus ein Automatismus bei der täglichen Arbeit wird, verwässert der Blick auf das Eigentliche und führt zwangläufig zu Fehlern. Das hat dann aber auch wenig mit professioneller Polizeiarbeit zutun.
      Trotzdem ist dies ein eigenes Thema und würde den Rahmen meines ursprünglichen Beitrags sprengen.

      Liebe Grüße,

      Peter

      Antworten
  • Dagmar Bachmann
    3. Januar 2017 22:07

    Da hast Du vollkommen recht. Und wieder zeigt sich: es ist immer so viel einfacher, “dagegen” zu sein, statt sich FÜR etwas, FÜR jemanden einzusetzen. Das ist der neuralgische Punkt der Gesellschaft. Und genau da sollten wir ansetzen. Mit authentischem Agieren.

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  • Kai Dölzer
    4. Januar 2017 12:28

    Lieber Peter, wenn das was Du sagen möchtest in einigermaßen kurze Worte gefasst wäre, dann würde es auch von der Zielgruppe für die Du schreibst (also Nichtpolitikern, Normalbürgern und potentiellen Gewalttätern) gelesen werden. In dieser zu langen “Politikersprache” aber befürchte ich, liest das kaum Jemand (bis zum Ende). Schade.

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    • Lieber Kai, vielen Dank für dein Feedback. In der Tat ist dieser Text sehr lange. Ich werde mich bemühen in meinen zukünftigen Beiträgen wieder etwas kürzer zu werden. Der Text ist ein sehr persönlicher, deswegen mussten zu diesem Punkt meine Gefühle einfach mal raus. Außerdem brauchen komplexe Sachverhalte, komplexe Analysen und Antworten, ansonsten verfällt man schnell in Populismus und das ist nicht meine Art Politik zu machen.

      Liebe Grüße,

      Peter

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